| 2008-02-29Commerzbank: Kostensenkung durch neues Sicherheitskonzept
In den SB-Bereichen der Banken werden künftig vermehrt kombinierte Ein- und Auszahlungsautomaten, so genannte Recycler, die gewohnten Geldausgabeautomaten ersetzen. Die Commerzbank nutzt diesen Systemwechsel auch für die Umsetzung eines neues Sicherheitskonzepts. Angreifer auf die Geldbestände in den SB-Automaten sollen künftig vor allem durch den intelligenten Einsatz von elektronisch gesteuerten Einfärbesystemen abgeschreckt werden.
Für die Bank rechnet sich der Paradigmenwechsel doppelt. Mit einem Präventionskonzept anstelle der Erhöhung von Widerstandszweitwerte wird nicht nur eine sinkende Zahl von Angriffen erwartet, sondern auch ein erheblicher Einspareffekt erzielt: Knapp 10.000 EUR je Umrüstung spart das neue Sicherheitskonzept für die Geldautomaten allein bei der Erstinvestition. Bei 820 Commerzbank-Standorten, die bis Ende 2009 mit neuen Automaten ausgerüstet werden sollen, bedeutet dies einen rund 8 Mio. EUR niedrigeren Investitionsaufwand. Auch die laufenden Kosten für die Wartung der Sicherheitstechnik sinken jährlich um rund 1.700 EUR/Automat. Ausschlaggebend für die Kostensenkungen ist insbesondere, dass das Konzept ohne Körperschallmelder auskommt und Wertbehältnissen einer niedrigeren Sicherheitsstufe nutzen kann.
Impuls für die Commerzbank, das bisherige Sicherheitskonzept zu überdenken, war unter anderem eine steigende Zahl von Fehlalarmen der Körperschallmelder aus den neuen Recyclern in den Filialen. Anders als bei einfachen Geldausgabeautomaten, wie sie seit Jahrzehnten zur Überwachung eingesetzt werden, ließen sich die Körperschallmelder vielfach nicht auf die mit der Banknotenqualität wechselnden Abriebgeräusche der Geräte einstellen. Entsprechend hoch war der Aufwand für Service-Techniker, teilweise mussten Körperschallmelder wegen ihrer Fehlalarmneigung dauerhaft abgeschaltet werden. Insgesamt, also sowohl bei neuen wie alten Geldautomaten, wurden 2006 bei der Commerzbank 278 Fehlalarme (Aufwand für Rücksetzung: 520 EUR/Alarm) durch Körperschallmelder registriert.
Parallel dazu entwickelten sich auch die modi operandi der Angreifer auf die SB-Geldausgabeautomaten weiter: International tätige Banden, inzwischen auch einige einheimische Nachahmer, gingen seit 2005 vermehrt dazu über, die Wertbehältnisse über die Einleitung von leicht entzündlichem Gas vor Ort aufzusprengen. Die in solchen Fällen eingetretenen Begleitschäden überschreiten den Wert der Beute meist um ein Vielfaches. Gerechnet wird mit Werten zwischen 50.000 und 200.000 EUR. Oft mussten die Bankstellen nach einem Angriff mehrere Tage geschlossen werden. Auch Personenschäden, etwa durch aus der Bank fliegende Teile, oder die Gebäudesubstanz beeinträchtigende Zerstörungen sind bei dieser Angriffsmethode nicht auszuschließen. Körperschallmelder melden solche Angriffe, die über die Einleitung von Gas in den Ausgabeschacht vorbereitet werden, normalerweise erst zu spät, bei der Explosion. Auch bei anderen aktuellen modi operandi, wie Spreizen und Herausreißen, die meist in weniger als einer Minute zum Erfolg führen, hat sich erwiesen, dass Körperschallmelder die Tatausführung nicht wirksam verhindern.
Gerhard Reinhardt, Leiter Corporate Security der Commerzbank AG: "Wir mussten uns eine völlig neue Lösung überlegen, denn das alte Konzept der elektronischen Überwachung war für die neuen Anforderungen des Konzepts 'Filialen der Zukunft' ineffizient, ohne einen wirksamen Schutz gegen aktuelle Angriffsmethoden zu bieten." Den Lösungsansatz fand die Bank bei der Einfärbetechnik, die sich inzwischen auch mit einer Gefahrenmeldetechnik verknüpfen lässt. In Frankreich gingen die Angriffe auf Geldautomaten mit der steigenden Verbreitung von Farbsicherungssystemen in Geldautomaten zwischen 2002 und 2005 kontinuierlich zurück: 2002 wurden 384 Angriffe gezählt, 2005 waren es noch 28. Die Zahl der eingesetzten Farbsicherungssysteme stieg in dieser Phase von 12.138 auf 22.721. Die Abschreckungswirkung der Systeme, also die Aussicht, nur eingefärbte und damit nichtverwertbare Banknoten zu erbeuten, war offensichtlich hoch, die 'professionell' arbeitenden Banden wechselten aus Frankreich in andere Länder, auch nach Deutschland.
Auch die Commerzbank setzt auf Verdrängung der Täter. Mehrsprachig gehaltene Plakate und Aufkleber, aber auch Werbung in den Medien, sollen die Täter bereits im Vorfeld abschrecken. Den Erfahrungen in Frankreich folgend wird erwartet, dass die organisierten Tätergruppen dann eher Kreditinstitute mit weniger wirksamem Schutz angreifen. Gerade für die Einführungsphase wird zudem darüber nachgedacht, die Systeme auch mit Gasschutzelementen zu versehen, die in der Lage sind, ein zur Sprengung in den Geldautomat eingeleitetes Gas wirksam zu neutralisieren.
Anbieter 3SI Security Systems, mit dem die Commerzbank nun das neue Sicherheitskonzept umsetzt, geht nach europäischen Erhebungen davon aus, dass die Wahrscheinlichkeit eines Angriffs auf derart abgesicherte Systeme bei 0,006% liege.
Eine erfolgreiche Abschreckung ermöglicht auch, Wertbehältnisse mit niedrigerer Qualität einzusetzen. Während beim Einsatz von Körperschallmeldern noch Panzerschränke der Sicherheitsstufe CEN III erforderlich waren, reichen nun UL-Wertbehältnisse, die nur noch 200 Kilogramm wiegen. Das geringere Gewicht erweitert auch die Spielräume bei der Aufstellung, statische Hemmnisse gibt es so gut wie nicht mehr.
Reinhardt: "Diesen Pardigmenwechsel in unserer Sicherheitsphilosophie, weg von der Alarmierung hin zur Prävention, und den damit verbundenen weitgehenden Bruch mit den bisher gewohnten Sicherheitsstandards, also Körperschallmeldern, verdrahteter ÜEMA, Abreißmeldern, aufwändigen Schlössern und schweren Wertbehältnissen, hat auch unser Versicherer akzeptiert. Hier haben wir die schriftliche Zusage, dass das neue Konzept gleichwertig zur bisherigen Sicherungstechnik gesehen wird. Vermutlich ist es ein Vorteil, dass wir mit Chubb einen international tätigen Versicherer haben, der die Wirksamkeit der Farbsicherungssysteme aus anderen Ländern kennt."
Ganz ohne ÜEMA arbeitet auch das neue Automatensicherungssystem nicht. Löst das Farbsicherungssystem aus, wird über GSM eine SMS-Meldung an die Commerzbank-Sicherheitszentrale und bis zu weitere sieben Adressaten abgesetzt. Auch E-Mails sind möglich. Die Art der Meldungen, die das System per GSM absetzen kann, ist beliebig, auch Wartungseinsätze (zum Beispiel Batterie- oder Farbpatronenwechsel) können ausgelöst werden.
Vorteile erwartet die Bank auch für die Kooperation mit den Werttransportunternehmen: Der Ablauf beim Befüllen und Entsorgen der Geldautomaten wird vereinfacht, durch die ohnehin in der Kassette enthaltene Sensorik, eine eindeutigen ID und das GSM-Modul wird die Transparenz der Dienstleistung größer und schließlich erwartet die Bank - anders als bei Standard-Kassetten - auch einen "pfleglicheren Umgang" der Dienstleister mit den hochwertigen, direkt dem Kunden zuordenbaren Kassetten. | Interessante Links: |