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2002-02-19

Notausgänge: Richtig umrüsten auf Anti-Panikfunktion

Die DIN EN 179 birgt ein Dilemma, das die Nachrüstung von Einsteckschlössern mit Anti-Panik-Funktionen, erschwert.

Dipl.-Ing. Matthias Demmel, Rosenheim
Muss bei Nutzungsänderungen von Gebäuden eine Tür nachträglich zum Notausgang umfunktioniert werden, ist neben der geeigneten Öffnungsrichtung des Türelements - üblicherweise in Fluchtrichtung - das Verschlusssystem ausschlaggebend. In Deutschland hat sich hier das Einsteckschloss - auch als Rohrrahmenschloss oder Mehrfachverriegelung mit Anti-Panikfunktion - etabliert. Einsteckschlösser mit Anti-Panikfunktion werden in allen gängigen Dornmaßen, auch in den Rohrrahmenvarianten von 35 bis 45 mm, angeboten, ebenso wie für die Entfernungen 72 und 92 mm.
Die Ausführung der Drückernuss im Schloss wird dabei in Abhängigkeit von der verwendeten Drückergarnitur gewählt. Bei Drückergarnituren mit Knauf wird eine durchgehende Nuss kombiniert mit der Wechselfunktion eingesetzt, mit beidseitigem Drücker eine Schlossausführung mit geteilter Nuss. Einige Produkte ermöglichen, die Funktionalität des von der Fluchtrichtung abgewandten Drückers über den Profilzylinder umzuschalten. In der Regel lässt sich dabei bei zurückgeschlossenem Riegel der Drücker über den Schließbart des Profilzylinders wahlweise ankoppeln oder auf Leerlauf stellen. Für Drückergarnituren mit beidseitigem Drücker in Schlössern mit Anti-Panikfunktion wird ein geteilter Drückervierkantstift benötigt. Wird statt Drücker eine horizontale Betätigungsstange verwendet, muss die Betätigungsbewegung um 90° umgelenkt auf den Drückervierkant übertragen werden. Die Panikstange hat sich in Deutschland noch nicht durchgesetzt, wird sich jedoch aufgrund der normativen Anforderungen verbreiten.

DIN EN 179: Variationsvielfalt eingeschränkt

Anforderungen an das Verschlusssystem in Notausgangs- und Fluchttüren sind seit November 1997 in DIN EN 179 für Notausgangsverschlüsse mit Drücker oder Stoßplatte (Schloss und Beschlag werden als ein zusammengehöriges Element geprüft) und in DIN EN 1125 für Paniktürverschlüsse mit horizontaler Betätigungsstange festgelegt. Beide Normen fallen in den Bereich der EU-Bauprodukten-Richtlinie, sind bereits in der Bauregelliste A, Teil 1 aufgenommen worden und dem ÜHP-Verfahren (Erstprüfung, Eigenüberwachung und Herstellererklärung) zugeordnet.
Hier beginnt das Dilemma, in der sich die hierzulande verbreitete Kombination aus Einsteckschloss mit Anti-Panikfunktion, Schließblech und Drückergarnitur befindet (bei nach nationaler Norm geprüften Produkten besteht freie Auswahl in der Kombination von Schlössern nach DIN 18250 und Baubeschlägen nach DIN 18273). Meist sind Schlosshersteller und Hersteller der Drückergarnitur nicht identisch, oft sind auch die Schließbleche nicht vom selben Hersteller. Wird nun ein System als Kombination geprüft (wie nach DIN EN 179), führt dies, wenn überhaupt über die Herstellergrenzen vereinbar, zu einer wesentlichen Reduzierung der Variationsvielfalt.
Aber auch technisch sind die Anforderungen nach DIN EN 179 und DIN EN 1125 mit dem Kombinations-System im Grenzbereich der Realisierbarkeit. Bei Verwendung eines Drückersystems muss der Verschluss mit einer maximalen Bedienkraft von 70 N freigegeben werden. Bei Ausführung mit Panikstange liegt die maximale Bedienkraft bei 80 N ohne zusätzlicher Last und bei 220 N mit zusätzlicher Belastung der Tür von 1000 N (simuliert im Panikfall das Drücken von Personen). Dies lässt sich mit den hierzulande üblichen Beschlags-Kombinationen nur im Idealfall erreichen. Der Grund liegt in der Schlossmechanik, die mit der kurzen Drehbewegung an der Drückernuss sowohl den Riegel als auch die Falle aus dem Schließblech zurückziehen muss. Der Einsatz von alternativen Werkstoffen und Beschichtungen zur Reduzierung der Reibkräfte kann eine Lösung darstellen, die jedoch diese Systeme weiter in den Bereich der kostenintensiven Sonderlösungen abdriften lässt und dem, insbesondere beim Rauch- und Brandschutz, Grenzen gesetzt werden.
Geprüfte und zugelassene Ausführungen nach DIN EN 179 und DIN EN 1125 mit Einsteckschlössern sind derzeit Mangelware. Erhältlich mit bestandener Prüfung sind auf das Türelement aufgeschraubte Systeme mit horizontaler Betätigungsstange von Herstellern aus Südeuropa, deren Verriegelungsart sich von den Einsteckschlössern deutlich unterscheidet. Hierbei treten etwa bei Brand- und Rauchschutztüren Probleme bei der Zulassung auf. Zum Einsatz von Schlössern mit Anti-Panikfunktion in Brand-, Rauch-, und einbruchhemmenden Türen ist beim Hersteller (siehe Kennzeichnungsschild) Rücksprache bezüglich geeigneter zugelassener Schlösser und eventuell weiterer erforderlicher Änderungen zu halten.

Austausch von Schlössern in Brand- und Rauchschutztüren

In Brandschutztüren dürfen prinzipiell nur in der allgemeinen bauaufsichtlichen Zulassung aufgeführte Schlösser verwendet werden. Dies gilt uneingeschränkt auch für Schlösser mit Anti-Panikfunktion. Sind Schlösser nach DIN 18250 in der Türkonstruktion zugelassen, können auch Schlösser mit Anti-Panikfunktion nach DIN 18250 verwendet werden. Dabei ist neben der Stulpausführung auch die Fluchtrichtung und die gewünschte Drückerausführung zu wählen (siehe "Bild 7: Kennzeichnung" aus DIN 18250 : 1999-06; Bild 2). Für alternative Schlösser mit Anti-Panikfunktion wird eine erweiterte Zulassung Zustimmung im Einzelfall benötigt (jeweils vom Hersteller zu beantragen).
Bei Rauchschutztüren stehen die zugelassenen Schlossausführungen im allgemeinen bauaufsichtlichen Prüfzeugnis (für Alternativen ist mindestens eine gutachtliche Stellungnahme der zuständigen Prüfstelle durch den Hersteller zu beantragen). Auch hier gilt das Gleiche für zugelassene Schlösser nach DIN 18250.

Zweiflügelige Türen mit Anti-Panikfunktion

Bei Nachrüstung von zweiflügeligen Drehflügeltüren mit Anti-Panikfunktion stellt sich die Frage nach der Fluchtwegbreite. Ist nur die Öffnung des Gangflügels erforderlich, muss nur das Schloss des Gangflügels eine Anti-Panikfunktion besitzen. Sind beide Flügel zu öffnen, wird eine "Vollpanik"-Ausführung in Gang- und Standflügel benötigt. Dabei muss neben der Anti-Panikfunktion des Schlosses im Gangflügel auch ein Zurückdrücken der Falle und Verriegelungen in Gang- und Standflügel über die Betätigung des Standflügels möglich sein. Die Zwängungsfreiheit der Flügel beim Öffnen des Gangflügels muss gewährleistet sein. Sollen die Türen anschließend auch wieder geordnet schließen, sind Schließmittel mit einer Schließfolgeregelung und der Anbau einer Mitnehmerklappe notwendig (Bild 3 "BKS Beispiel einer Vollpanikausführung", Bild 4 "WILKA Schloss Gangflügel für Vollpanik", Bild 5 "Wilka Schloss Standflügel für Vollpanik").

Anti-Panikfunktion für Mehrfachverriegelungen

Bei Mehrfachverriegelungen ist die Bedienkraft der Anti-Panikfunktion ebenso wie die Bedienkraft zum Verriegeln zusätzlich stark abhängig von der Türflügelkonstruktion und deren Verformungsverhalten unter Differenzklimaten (Verformung des Türflügels soll über das Jahr hinweg 2-3 mm nicht überschreiten). Außerdem sollten geeignete, in der Position einstellbare Schließbleche verwendet werden. Mehrfachverriegelungen werden mit Anti-Panikfunktion in allen üblichen Dornmaßen und Entfernungen produziert (Bild 6 "KFV Ausführungsvarianten einer Schlosstype"). Bei Mehrfachverriegelungen mit Getriebe wird in der Regel nur die Ausführung mit durchgehender Nuss für Drückergarnituren mit Knauf gebaut. Zu beachten ist, dass ein Profilzylinder mit frei drehbarem Schließbart verwendet werden muss, da das Getriebe im Panikfall zurückgedreht wird (Bild 7 "Fuhr Mehrfachverriegelung mit Panikfunktion und Hinweis auf Freilauffunktion im Profilzylinder").

Profilzylinder und Anti-Panikfunktion

Bei den Einsteckschlössern mit Anti-Panikfunktion und Zuhaltungssystem, vorgerichtet für Profilzylinder, ist ein Knaufzylinder mit undefinierter Schließbartstellung nicht zulässig, da der Schließbart das Zurückziehen des Riegels blockieren kann. Ausnahmen: Einige Schlosshersteller verwenden gefederte Vorrichtungen, die den Schließbart aus der kritischen Position herausdrehen. Diese mechanische Funktion sollte regelmäßig (abhängig von der Benutzerhäufigkeit, jedoch mindestens einmal jährlich) überprüft werden. Außerdem sollte für diese Schlösser zur Verwendung von Knaufzylindern eine Prüfung und Freigabe durch eine geeignete Prüfstelle vorliegen. Dies gilt auch für selbstverriegelnde Schlösser mit Anti-Panikfunktion, die aufgrund ihrer Entkopplung des Riegels von der direkten Betätigung durch den Profilzylinder in vielen Fällen die Verwendung eines Knaufzylinders erlauben.

Selbstverriegelnde Schlösser

Nach Betätigung des Drückers, auch bei Missbrauch, wird der verriegelte Zustand bei geschlossener Tür - ohne erneutes Absperren über den Profilzylinder - wieder hergestellt (Bild 8???). Die Sicherstellung der selbstverriegelnden Funktion kann gegebenenfalls auch durch Riegelkontakt abgefragt werden (Bild 9???). Bei selbstverriegelnden Mehrfachverriegelungen ist die Anforderung an die reduzierte klimatische Verformung der Türblätter für die Gewährleistung der Funktion besonders wichtig (Bild 10, effeff).

Heikel: Anti-Panikfunktion und Einbruchhemmung

Wer Leben retten will, darf die Freigabe der Fluchtwege nicht verhindern. Möglich ist jedoch die Alarmgebung bei Betätigung in Fluchtrichtung. Auch ein elektromagnetischer Türwächter kann bei Notausgangstüren zugelassen werden, um Missbrauch abzusichern (Bild 11 Dorma). Zu den Alarmgebern zählen etwa Glasbruchmelder sowie Sensoren für Sollbruchstellen bei Gewaltanwendung. Mechanische einbruchhemmende Maßnahmen sind unter anderem durchbruchhemmende Scheiben, eine geeignete Glasanbindung, die nichttransparente Ausführung des Drückerbereiches, gegebenenfalls eine bohrgeschützte Fläche des Türflügels und der Zarge, geeignete Bodenfugen und ein Schutzbeschlag, der bei durchgehender Drückernuss einen Angriff auf den Drückervierkant nach Abschlagen des Knaufes nicht unmittelbar zulässt. Sollen in geprüften einbruchhemmenden Türen nach DIN V ENV 1627 oder nach DIN V 18103 (Vorgängernorm) Schlösser mit Anti-Panikfunktion eingebaut werden, müssen diese im Kurzbericht (DIN V ENV 1627) oder im Prüfzeugnis (DIN V 18103) zugelassen und die erforderlichen Zusatzmaßnahmen in den jeweiligen Widerstandsklassen realisiert sein, ansonsten verliert das Türelement die zugesicherte einbruchhemmende Eigenschaft. Ein erhöhtes Missbrauchsrisiko bei Türen mit Anti-Panikfunktion bleibt jedoch bestehen.
Matthias Demmel, Dipl.-Ing. Maschinenbau, Sachbearbeiter für Beschläge und Einbruchschutz im PTE Rosenheim
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